Wie Politiker zu Zombies werden

“Das schwache Auftreten der griechischen Regierung ändert nichts an dem Skandal, der darin besteht, dass sich die Politiker in Brüssel und Berlin weigern, ihren Kollegen aus Athen als Politiker zu begegnen. Sie sehen zwar wie Politiker aus, lassen sich aber nur in ihrer ökonomischen Rolle als Gläubiger sprechen. Diese Verwandlung in Zombies hat den Sinn, der verschleppten Insolvenz eines Staates den Anschein eines unpolitischen, vor Gerichten einklagbaren privatrechtlichen Vorgangs zu geben.”

Dieser Satz bringt einen langen Artikel von Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch auf den Punkt: Der Philosoph beklagt aus kluger Einsicht, dass Politik von Merkel und Co nicht mehr gemacht wird, weil diese bedeuten müsste, die Zukunft der Europäischen Union zu verteidigen. Alles was die Bundesregierung und in ihrem Windschatten die anderen Europäer verteidigen, sind aber ihre jeweils individuellen Gläubigerinteressen. Politiker bräuchte man dafür eigentlich nicht. Ein ausreichend rücksichtsloses Inkasso-Unternehmen täte es auch.

Nur aus der Inkasso-Perspektive ist das Augen Verschließen vor der Unausweichlichkeit eines nächsten Schuldenschnitts erklärlich. Würde jemand Politik im europäischen – oder auch nur im aufgeklärten nationalen – Interesse machen würde er jede Gelegenheit nutzen, das Unausweichliche so schnell, schmerzlos und erfolgreich wie möglich zu organisieren. Der ganze, sehr lesenswerte Kommentar findet sich hier.

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2 Kommentare zu “Wie Politiker zu Zombies werden”

  1. Schröder, Harald
    11. Juli 2015 um 19:53

    Zitat: Alles was die Bundesregierung und in ihrem Windschatten die anderen Europäer verteidigen, sind aber ihre jeweils individuellen Gläubigerinteressen. Politiker bräuchte man dafür eigentlich nicht. Ein ausreichend rücksichtsloses Inkasso-Unternehmen täte es auch.
    Daraus ergibt sich aber im Umkehrschluß: Zu einem gewünschten Schuldenerlass bräuchte man dann ebenfalls keine Politiker, ein Pfarrer täte es auch. Ich schlage Pfarrer Neusel von Erlassjahr vor.
    Was Zombies sind, wußte ich bisher garnicht. Ich bewege mich nicht in der afrikanischen Geisterwelt. Da hat dieses Wort nämlich seinen Ursprung. Nachdem ich mich informiert habe, betrachte ich es als eine Unverschämtheit, gewählte Politiker so zu bezeichnen. Ich würde noch nicht einmal Herrn Varoufakis mit einem solchen Schimpfwort belegen.
    Nun zu den Schulden, die unbedingt erlassen werden sollen.
    Nach den mir zugänglichen Informationen ist die hohe Schuldenlast Griechenlands z.Zt. nicht das primäre Problem. Für die Schulden, die Griechenland zumindest bei der EU hat, braucht das Land erstens kaum Zinsen zu zahlen, und die Tilgungen fangen erst ab 2022 oder später an. Somit merkt das Land diese Schulden doch z.Zt. kaum. Die EU braucht sich somit im Moment mit einem Schuldenerlass nicht zu beschäftigen. Dies ist ein Nebenkriegsschauplatz. Ich bin aber kein Fachmann. Ich weiß nicht, wie es mit den anderen Verbindlichkeiten aussieht.
    Zudem hat Griechenland nun schon einen Schuldenerlass von 100 Mrd. EURO bekommen.
    Das Problem sind die zugesagten Reformen, die bisher nicht umgesetzt wurden. Stichworte Korruption, aufgeblähte nicht effiziente Verwaltung, nicht funktionierendes Finanzwesen.
    Niemand weiß, wie es nun weitergeht. Heute hörte ich, dass die Banken nicht mehr lange überleben.Ich gehöre aber zu den 90% der Deutschen, die ein drittes Hilfspaket ablehnen. Weiterhin gehöre ich zu den 80%, die kein Mittleid mit Griechenland haben. Gleichwohl, humanitäre Hilfe würde ich auch befürworten

  2. Jürgen Kaiser
    14. Juli 2015 um 09:24

    Wo Sie die Mär von “keine Fälligkeiten bis 2022″ herhaben ist mir ein Rätsel. Aber falls Sie Griechenlands ganz und gar unproblematische Fälligkeiten aus Ihren Spekulationsgewinnen gerne begleichen möchten: nur zu! Bis Ende des Jahres sind an den IWF, die EZB und auf kurzfristige Staatsanleihen 26,7 Mrd. € fällig.

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