Monatsarchiv für April 2015

 
 

Eine schöne Art, Politik zu machen

DSC_0624Manchmal kommt es nicht so sehr drauf an, was man politisch macht, sondern wo man es macht. Auf Einladung unserer Kolleg/innen der Ökumenischen Akademie Prag war erlassjahr.de am Montag zu Gast auf der Prager Burg. In einer Umgebung bei der man jeden Moment damit rechnet, dass  Kaiserin Maria-Theresia durch eine der überdimensionalen Türen herein gerauscht käme, informierten wir Vertreter des gastgebenden Außenministeriums, des Finanzministeriums, des Parlaments sowie der NGO-Szene über den laufenden UN-Prozess für ein Staateninsolvenzverfahren. Die Tschechische Republik hatte zwar – nicht ohne dezente Einflüsterung aus Berlin – gegen den Prozess gestimmt, war aber durchaus bereit, sich auch inhaltliche Argumente pro und contra eines von der UN geschaffenen Verfahrens anzuhören.

Auch der realsozialistischen Geschichte des Landes stellten wir uns, indem wir Möglichkeiten für eine Umwandlung der seit dreissig Jahren unbedienten und überhaupt ungeklärten Schulden Kubas bei seinem sozialistischen Ex-Bruderland besprachen. Nur zu gerne würde der Global Fund aus den uralten fast vergessenen Kreditverträgen Investitionen in die Aids-Prävention auf der Insel machen – möglichst bevor der Tourismus aus Miami wieder volle Fahrt aufnimmt.

“Augen am Hinterkopf”

Am Montag ist ein großer Schriftsteller gestorben, dessen Werk uns bei erlassjahr.de mehr beeinflusst hat, als uns selbst manchmal bewusst gewesen ist. Der Uruguayer Eduardo Galeano hat nicht nur uns, sondern viele in der globalen Solidaritätsbewegung gelehrt, die Geschichte der sozialen Kämpfe, von großen Niederlagen und kleinen Erfolgen nicht zu vergessen, wenn wir uns den Ungerechtigkeiten der Gegenwart entgegenstellen. Die Metapher der “Notwendigkeit, Augen am Hinterkopf zu haben” hat er nicht nur geprägt, sie hat auch sein Werk geprägt. Und, wenn erlassjahr.de in seiner Geschichte ausführlich die Diskrepanz zwischen der großzügigen Entschuldung Deutschlands im Londoner Schuldenabkommen von 1953 und der kalten Arroganz der Deutschen als Gläubiger Afrikas oder Griechenlands skandalisiert hat, dann auch, weil jemand am La Plata uns dazu ermuntert hat.

Dass die Geschichte seines Kontinents eine des immer neu inszenierten Zusammenspiels von korrupter Klassenherrschaft und ausländischen Interventionen ist, hat er auf vielfältige und manchmal literarisch schmerzhaft schöne Weise entfaltet. Sein Ziel war dabei stets, dass die Menschen aus der Geschichte der Kanonenboote, der Conquistadoren, der US-inszenierten Militärputsche etwas lernen für die aktuellen Kämpfe gegen Verschuldung und Freihandel und kulturellen Imperialismus. Und sehr häufig steckten nicht nur Appelle in seinen Texten, sondern vor allem ermutigende Geschichten von kleinen und großen Widerständen.

Auch ohne Galeano hätten wir die Geschichte von Salvador Allende und Che Guevara gekannt. Aber wer hätte je von den sieben Toden und Wiederauferstehungen des Miguel Mármol im El Salvador des letzten Jahrhunderts gehört. Und welcher lateinamerikanische Autor hätte je in seiner Sprache die kleine Geschichte des Essener Außenstürmers Helmut Rahn erzählt?

Galeano hat all das (und noch viel mehr) getan. Wie werden ihn vermissen.