Monatsarchiv für September 2012

 
 

Muss man nicht unbedingt gelesen haben: “Schulden die ersten 5000 Jahre” von David Graeber

Nein, Graebers Buch stellt die Welt des Kapitalismus nicht auf den Kopf. Es bietet der oder dem Interessierten (und nur dem Interessierten, weil jeder andere beim Rumsurfen in der Geschichte schon bald Schwierigkeiten hätte, festzustellen, welcher Baum gerade jetzt wieder den Blick auf den Wald verdeckt) Leser eine ebenso anstrengende wie interessante Wanderung durch die Wirtschaftsgeschichte. Dabei haben es dem Autor die Frühzeit und das frühe Altertum in besonderer Weise angetan, was aus unserer Sicht prima ist, denn das biblische Erlassjahr spielt häufig implizit und an prominenter Stelle auch mal explizit bei Graeber eine große Rolle.

Ein paar Dinge kann auch ein erlassjahr-Aktivist noch aus diesen historischen Wanderungen mitnehmen: Dass das erlassjahr-Konzept nicht nur im Alten Testament vorkommt, sondern auch in der Sumerischen und der Babylonischen Geschichte auftaucht. Oder eine große Zahl von Quellen, die zeigen, dass das biblische Erlaßjahr durchaus nicht nur Theorie geblieben ist, sondern im alten Israel auch umgesetzt wurde (Kap. 4, fn 19). Entsprechend und sympathisch ist der einzige handlungsorientierte Vorschlag den der Autor ganz am Ende des Werkes zum besseren Umgang mit dem Problem von Überschuldung macht, der, dass es so etwas wie ein biblisches Erlaßjahr geben sollte. Das ist nett formuliert, in Zeiten, wo der Bundesfinanzminister schon mal auf dem Katholikentag erklärt, ein Erlaßjahr könne ja wohl keine Lösung für Europas Schuldenkrise sein. Wie das Erlaßjahr für die sehr unterschiedlichen Arten von Schuldner-Gläubiger-Beziehungen tatsächlich aussehen sollte, verrät Graeber uns allerdings nicht.

Was bei all diesen interessanten Details das Werk fragwürdig macht, ist dass der Autor Kapital wie Geld auf einem großen Haufen zu betrachten scheint. Wird etwas davon verliehen, scheint es keinen Unterschied zu machen, wofür: Konsumentenkredite, Investive Kredite, Nothilfe-Kredite, Staatsanleihen und andere Budget-Finanzierungen. Dass gerade für eine moralisch-ethische Beurteilung der Berechtigung von Gläubiger-Ansprüchen es tatsächlich einen Unterschied macht, ob ein Kredit zur freundschaftlichen Finanzierung einer Luxus-Anschaffung, zur Hilfe in großer Not oder zur Erzielung eines Profits gegeben wurde, übersieht er 400 Seiten lang. In diesem Sinne ist das Buch auf eine ärgerliche Weise unpolitisch.

Mit der Katholischen Soziallehre gegen die Dominanz der Gläubiger: Überschuldete Paradiese in der Karibik

Engagierte Laien und Theologen, Politiker und Aktivist/innen trafen sich Anfang September zu zwei Seminaren in Dominica und St.Lucia. Beide Inseln gehören zu den “Small Island Developing States” (SIDS), die, zusammen mit Ländern wie Griechenland, weltweit die höchsten Schuldenindikatoren aufweisen. Weil diese Staaten aber sehr klein sind und (deutlich) weniger als eine halbe Million Einwohner haben, nimmt von ihren Problemen kaum jemand Notiz.

Das könnte sich jetzt ändern. Außer aus den beiden genannten Inseln waren auch Vertreter/innen der Kirche und der Regierung aus Grenada, Antigua & Barbuda sowie Anguilla bei den Seminaren. Es ging einerseits um die beängstigenden Schuldenindikatoren der Inseln auch dem Hintergrund ihrer dramatischen Verletzlichkeit für “externe Schocks”. Einer der letzten großen Hurrikans hatte in Grenada beispielsweise das Sozialprodukt von zwei Jahren an Schäden hinterlassen. Aber es ging auch um die frohe Botschaft des biblischen Erlassjahres: Dass Gläubigerrechte real aber nicht sakrosankt sind. Dass die Kirche im Konflikt die Menschenwürde der Armen vor die Ansprüche der Gläubiger stellen muss. Und auch, dass auf den stark katholisch geprägten Inseln das Wort der Bischöfe und Laienräte es nicht weit bis in die Regierungszentralen und Ministerien hat (in Dominica z.B. der sprichwörtliche Steinwurf).

Engagierte Diskussion der Delegation aus Antigua: Links vom Tisch der Regierung, rechts die Zivilgesellschaft

Zwei Tage lang stellten sich die insgesamt rund 85 Teilnehmer/innen der beiden Seminar den Fragen nach einer angemessenen Antwort der Kirche und der gesamten Zivilgesellschaft. Entstanden sind daraus ein kleines Netzwerk mit Ansprechpartnern auf jeder der Inseln, und eine große Herausforderung für diejenigen, die an der Basis die Katholische Soziallehre in praktische Schritte übersetzen wollen.

erlassjahr.de war als Referent an beiden Seminaren beteiligt. Finanziert wurden sie vom deutschen Hilfswerk Adveniat – seit langem ein Partner der Kirche in der Region.

Inzwischen haben auch andere Kampagnen und Netzwerke die Herausforderung durch die Überschuldung der kleinen Inseln ausgenommen: im Katholischen Irland ebenso wie in den für die Region wichtigen Gläubigerländern USA und Kanada.

Die Länderprofile der genannten Staaten sowie Jamaika’s und von St.Vincent & the Grenadines stehen auf der erlassjahr.de-Länderinfo-Seite.