Monatsarchiv für Dezember 2009

 
 

Den Tod erfolgreich exportiert

Im August 2009 erschien in einer abgelegenen Schriftenreihe der Weltbank eine ziemlich technische Untersuchung von Jed Friedman und Norbert Schady, in der die beiden Autoren auf der Grundlage von historischen Erfahrungen vorhersagten, wie viele Kinder allein in Folge der Weltfinanzkrise zusätzlich sterben werden: 30.000 bis 50.000 Menschen unter fünf Jahren allein in Sub-Sahara-Afrika hätten vermeidbare Krankheiten und Mangelernährung überlebt, wenn nicht die von den USA ausgehende Weltfinanzkrise ihre Lebensumstände noch weiter verschlechtert hätte (weiter zur Studie).
Die Studie erregte erstaunlich wenig Aufsehen in der Fachwelt. Wie alle solchen “Was-wäre-wenn”-Szenarien lässt sich über genaue Ergebnisse streiten; daher auch das vergleichsweise unpräzise Ergebnis. Dass die Studie im Ansatz wissenschaftlich sauber argumentiert, wurde nirgendwo bestritten. Es ist davon auszugehen, dass der von ihr prognostizierte stille Tod sich in diesem Moment so abspielt wie vorhergesagt, Die meisten Eltern werden zwar wissen, dass der Tod ihres Kindes damit zusammenhängt, dass der örtliche Gesundheitsposten plötzlich keine Medikamente mehr hatte. Dass aber dies mit den Staatsfinanzen, diese mit den zusammengebrochenen Rohstoffpreisen, diese mit der globalen Nachfrage nach den exportierten Produkten, und diese wiederum mit dem Abschwung in den USA und Europa zu tun haben, werden die meisten in ihrem Leben nicht erfahren.
Es ist aber so, und die Weltbank kann einem den Zusammenhang vorrechnen. Wenn sie will.
Es gab eine Zeit, da sprangen Wall-Street-Banker, wenn sie sich verzockt hatten, aus den Fenstern ihrer Wolkenkratzer. Das ist, wie wir im Sommer 2008 sehen (bzw. eben nicht sehen konnten) seit der Weltwirschaftskrise 1929 aus der Mode gekommen.
Warum sollen sie auch springen? Den Tod haben sie elegant exportiert.

Kein Insolvenzverfahren für Dubai – sondern….

In dem Emirat am Persischen Golf könnte tatsächlich gelingen, was anderen Ländern mit hoher Auslandsverschuldung seiner privaten Unternehmen schwerer fallen dürfte: Der Staat lehnt es ab, für die 60 Mrd. US-$ Auslandsschulden des ohnehin leicht größenwahnsinnigen Unternehmens “Dubai World” gerade zu stehen. Das kann er machen, ohne dass in dem ansonsten schwerreichen Ölstaat mit gravierenden sozialen Folgen gerechnet werden muss. Selbst ein sofortiger und endgültiger Baustopp für das Palmeninsel-Projekt würde in erster Linie ausländische Arbeiter betreffen, die das Emirat ohne viel Federlesens in ihre Heimatländer zurück verfrachten würde.
Deswegen ist Dubai nicht der nächste Kandidat für das von erlassjahr.de geforderte Staateninsolvenzverfahren.
Eine vergleichbare Konstellation kann in anderen Ländern aber zu durchaus anderen politischen Konsequenzen führen. So bestehen zum Beispiel auch die gut 100 Mrd. US-$ Auslandsschulden der Ukraine zu mehr als 80% aus Verbindlichkeiten privater Unternehmen, für die der Ukrainische Staat formal keinerlei Verpflichtungen eingegangen ist. Prominent dabei: der Gasversorger Naftogaz und die Ukrainische Eisenbahn. Droht einem von beiden tatsächlich die Pleite, ist die Lage für die Regierung in Kiew aber eine andere als die der von Dubai, die auch ohne Palmeninsel-Projekt gut zurecht kommt. Eher würde man sich – im Interesse von Arbeitsplätzen, funktionierender Infrastruktur und warmen Wohnungen im bevorstehenden Winter – so in die Pflicht nehmen lassen, wie die Bundesregierung für die Hypo Real Estate, Quelle und Opel. Mit dem Unterschied, dass der Ukrainische Staat sich nicht so günstig die entsprechenden Mittel auf dem Kapitalmarkt besorgen kann wie die Berliner Regierung.
Am Ende müsste dort durch neue öffentliche Schulden und Einschnitte der ohnehin eher bescheidenen öffentlichen Leistungen die Zeche bezahlt werden. Da wäre ein schnelles und umfassendes Staaten-Insolvenzverfahren allemal die bessere Lösung.